ZEIT für die Schule
digitaler Unterricht
sponsored post
Interview

Herr Haverkamp, Sie unterrichten am Evangelisch Stiftischen Gymnasium Gütersloh und haben Barcamps zur Abitur­prüfung durch­geführt. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Hendrik Haverkamp: Bei den Abiturvorbereitungen ist für die Schüler*innen immer wieder ermüdend, wenn sie am Ende der Schulzeit den Stoff aus den vergangenen Jahren komprimiert wiederholen müssen und das in Vorträgen dargebotene Wissen vielleicht gar nicht für ihre Prüfungs­konstellation benötigen. Denn es gibt ja vier Prüfungs­fächer, aber Abi-Wiederholungen in zehn Fächern. Deshalb haben wir Lehrkräfte uns gefragt, wie sich die Vorbereitung auf den Abschluss durch Formate wie Barcamps verbessern lässt.

Wie liefen die Barcamps genau ab?
Die Camps haben sich über zwei oder drei Tage während der regulären Schulzeit erstreckt. Es haben jeweils etwa 130 Schüler*innen und 30 bis 40 Lehrkräfte teil­genommen, außerdem Externe, zum Beispiel ehemalige Schüler*innen, genauso Mitarbeitende von der Schul­sozial­arbeit.

Für die Planung des jeweiligen Barcamps konnten wir ein kostenfrei zur Verfügung stehendes Barcamp-Tool namens barcamp.eu nutzen und dort Sessions – das heißt: Veranstaltungen zu bestimmten Frage­stellungen – einreichen.

Hendrik Haverkamp
© privat Hendrik Haverkamp ist Koordinator für Digitalität am Evangelisch Stiftischen Gymnasium Gütersloh und Lehrer für die Fächer Deutsch und Sport. Als Referent für die Deutsche Akademie für Pädagogische Führungs­kräfte oder die Zentral­stelle für das Auslands­schul­wesen liegt der Schwerpunkt seiner Fortbildungs- sowie Moderations­tätigkeiten im Bereich der Schul- und Unterrichts­entwicklung unter den Bedingungen der Digitalität.

Es gab Sessions zu den Prüfungsfächern und Angebote von Ehemaligen, die berichtet haben, wie sie das Abi überstanden haben, zusätzlich Veranstaltungen mit Yoga und anderen Entspannungstechniken zur Prüfungs­vorbereitung. Der Fokus lag natürlich auf den fachlichen Kompetenzen, aber über­fachliche Hilfe­stellungen etwa zur Stress­bewältigung werden künftig sicherlich immer wichtiger.

Sie haben insgesamt drei solcher Barcamps durchgeführt. Eines war rein virtuell am Anfang des ersten Lockdowns 2020. Im darauf­folgenden Jahr fand das Barcamp hybrid statt, den Schüler*innen stand frei, ob sie digital oder vor Ort mitmachen. Und das dritte Barcamp in diesem Jahr war ausschließlich in Präsenz. Was hat am besten funktioniert?
Schwer zu sagen! Das digitale Format hatte den Vorteil, dass man sich fokussiert auf den Inhalt konzentrieren konnte. Es gab keine Zeit­verluste oder Ablenkungen durch beispiels­weise einen Raum­wechsel. Beim Barcamp in Präsenz hingegen waren erwartungs­gemäß der zwischen­menschliche Kontakt und das Gemeinschafts­gefühl stärker ausgeprägt. Da bildeten sich, vielleicht auch in den Pausen, wichtige Lern­partner­schaften, die dann außerhalb des Barcamps eine Fortsetzung finden konnten. In beiden Fällen hatten wir Treff­punkte eingerichtet. Es gab eine virtuelle Kaffee­küche und, analog, Kaffee und Kuchen in der Schulaula.

Wie kamen die Barcamps bei den Schüler*innen an?
Großartig, laut dem Feedback, das wir eingeholt haben! Nicht zuletzt, weil die Schüler*innen die Abi-Vorbereitung ihren eigenen Wünschen entsprechend gestalten konnten, ohne sich durch einen Vortrags­marathon quälen zu müssen. Viele mochten es, selbst Verantwortung für ihr Lernen zu über­nehmen. Dazu beigetragen haben dürfte die Tatsache, dass die Schüler*innen das Barcamp aktiv mitgestaltet haben. Die Schüler­vertreter*innen der Jahr­gangs­stufe hatten genau dieselben Zugriffs­rechte auf die Barcamp-Plattform wie die Lehr­kräfte. Dadurch waren Schüler*innen, Lehrkräfte, Sozial­arbeiter*innen und Schul­leitung ein echtes Team.

Wie kam die Idee des Barcamps bei den Lehrkräften an?
Am Anfang gab es einen hohen Informationsbedarf und bei einigen vielleicht die Sorge vor vermeintlichem Unterrichts­aus­fall. Einige wenige Kolleg*innen, die während des Jahres krankheits­bedingt viel gefehlt hatten, haben sich aus nach­voll­zieh­baren Gründen dazu entschlossen, während des Barcamps ihren regulären Unterricht fortzusetzen, bei verpflichtender Teilnahme des entsprechenden Kurses. Ansonsten gibt es auf Barcamps ja keine Anwesenheits­pflicht, Sessions dürfen auch bei laufender Veranstaltung verlassen werden. Aber abgesehen von wenigen Ausnahmen haben alle Lehrkräfte mitgemacht und Angebote für Sessions im Umfang ihrer Unterrichts­stunden erstellt. Es gab sogar Kolleg*innen, die eigentlich nicht hätten unterrichten müssen und trotzdem dabei sein wollten.

Wurden die Angebote von Lehrkräften und Schüler*innen gleichermaßen gut besucht?
Man könnte ja denken, dass die Schüler*innen eher zu den Lehrkräften gehen, weil sie dort das qualitativ hoch­wertigere Angebot vermuten. Aber so war es nicht. Die Schüler*innen haben bewusst ihre Mitschüler*innen aufgesucht, teilweise gab es Gruppen, in denen es keinen Pädagogen oder keine Pädagogin gab. Diese Abwesenheit von Expert*innen ist ganz typisch für Barcamps.

Wie soll es an Ihrer Schule im Hinblick auf die Barcamps weitergehen?
Wir haben von mehreren Schüler*innen die Rückmeldung erhalten, dass sie das Format des Barcamps gern schon in früheren Jahr­gängen kennen­gelernt hätten. Deshalb treiben wir eine gewisse „Barcampifizierung“ des Unterrichts voran. Mini-Barcamps mit jüngeren Schüler*innen haben einige Lehrkräfte inzwischen spontan organisiert. Und wir Lehrkräfte haben Barcamps während interner pädagogischer Fortbildungen erprobt. Das Thema hat viel Potenzial, und ich glaube, dass der Trend in Richtung Flexibilisierung der Schul­strukturen geht, sodass Stunden­pläne zugunsten von Formaten wie Barcamps phasen­weise außer Kraft gesetzt werden können.

Welche Tipps würden Sie Lehrkräften für die Planung eines Barcamps geben?
Wichtig erscheint mir, die Lehrer*innen- und die Schüler*innen­schaft von Anfang an ins Boot zu holen und die Schüler*innen an der Planung zu beteiligen – so können sie ihre Bedürfnisse stärker zum Ausdruck bringen.

Nachträglich geht es um die Evaluation: Was ist gut gelaufen, was weniger gut? Um mit diesem Wissen kritisch zu hinter­fragen, was man das nächste Mal besser machen kann.

Empfehlen kann ich außerdem ein als PDF frei verfügbares Buch von Jöran Muuß-Merholz, das viele hilfreiche Anregungen zur Planung von Barcamps bietet. Und keine Sorge: Barcamps sind kein Hexenwerk! Wir haben das erste Camp mit fünf Wochen Vorlauf geplant, beim nächsten waren es nur noch zwei Wochen. Und das dritte ging noch schneller.