ZEIT für die Schule
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Interview

Tariq, erzähl mal. Wie bist du hierher­gekommen und wie ergeht es dir in Paderborn?
Ich komme aus Shingal, das liegt im Nordirak. 2014 gab es dort viele Angriffe vom IS. Ich floh mit meinem Cousin nach Deutschland.

Wusstet ihr, was euch hier erwartet?
Ja, ein wenig. Mein Onkel lebte damals schon in Paderborn. Er hat mich aufgenommen und viele Dinge für mich geregelt, zum Beispiel mich für die Schule und den Deutsch­kurs angemeldet. 2016 kamen meine Eltern nach.

Dein Deutsch ist sehr gut!
Ja, ich habe aber sofort nach meiner Ankunft mit der Sprach­schule begonnen. Dort bin ich ein Jahr geblieben und danach bin ich auf die Haupt­schule gewechselt. Aktuell mache ich Erweiterungs­kurse, damit ich meinen Realschul­abschluss machen kann.

Der junge Iraker Tariq fiebert auf der Tribüne.
© Mika Volkamnn Der junge Iraker Tariq fiebert auf der Tribüne des Herrmann-Löns-Stadions.

Was willst du mal werden?
Polizist.

Warum gerade Polizist?
Das wollte ich schon als Kind. Mein Vater war in der Armee und hat später als Taxi­fahrer gearbeitet. Ich möchte als Polizist in Deutschland dafür sorgen, dass Menschen sich gut fühlen.

Wie gut und willkommen fühlst du dich denn bisher in Paderborn?
Es gibt viele gute Orte und gute Menschen. Aber Rassismus habe ich eigentlich viel erlebt. Zuerst habe ich noch wenig Deutsch gesprochen und viele Kommentare nicht so gut verstanden. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Situation im Karneval. Es war Februar und es wurden Süßigkeiten geschmissen. Ich war mit Freunden von der Sprach­schule dort und wir haben versucht Bonbons auf­zu­fangen. Dann kam ein Opa, der gesagt hat, wir sollen das lassen. Die Süßigkeiten wären nicht für uns.

Was hörst du für diskriminierende Äußerungen?
Ich werde oft gefragt: Weshalb seid ihr hier? Könnt ihr nicht in euer Land zurück, der Krieg ist doch vorbei? Am häufigsten höre ich: Es gibt zu viele Flüchtlinge in Deutschland! Geht zurück! Ihr nehmt uns die Arbeits­plätze weg! Ich sage dann oft: Ich würde auch gerne in meinem Land leben, aber es ist dort nicht möglich, ich kann nichts dafür.

Wie optimistisch bist du selbst, was deine Zukunft in Deutschland betrifft?
Ich weiß, dass ich hier eine Arbeit bekomme, wenn ich mich anstrenge. Ich bin in einer Klasse, in der 70 Prozent deutsche Schüler sind und ich bin besser als die 70 Prozent. Es kommt doch darauf an, ob du dich bemühst oder nicht. Ich will beweisen, dass ich besser sein kann. Ich möchte nicht von Hartz IV leben. Ich möchte was für Deutschland tun!

Hate Speech? Nicht mit uns!

Was können Jugendliche mit Migrationshintergrund diskriminierenden Worten entgegensetzen? Engagierte des Paderborna Kreisligaclubs SC Aleviten erzählen, wie Fußballspiele und Workshops helfen, Schüler*innen und junge Erwachsene hier stark zu machen.

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Wer hat dir geholfen, mit ausgrenzenden Kommentaren umzugehen?
Verani Kartum, der Vereinsleiter des SC Aleviten in Paderborn. Er ist für mich ein großes Vorbild. Er macht sehr viel für Jugendliche. Als ich mich im Verein angemeldet habe, Anfang 2016, da war ich erst ein Jahr in Deutschland. Wir haben natürlich Fußball gespielt. Aber Verani hat mit uns auch viel unternommen. Wir sind in Freizeit­parks gegangen, wir haben Veranstaltungen besucht. Wir haben Ausflüge nach Berlin oder Polen gemacht, wir waren auch in einem KZ in Brandenburg. Durch den Verein habe ich gelernt, mit Rassismus und Diskriminierung umzugehen. Wir machen viele Workshops, erzählen, was uns passiert, und wir reden über schlimme Situationen. Wir üben auch, wie wir damit umgehen, wenn sich jemand aggressiv verhält.

Und, wie reagiert man am besten, wenn jemand aggressiv wird?
Das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben und nicht selbst aggressiv zu werden oder gar eine Schlägerei anzufangen. Es ist wichtig, dass es nicht eskaliert. Ich versuche das zu regeln, ohne Gewalt. Gewalt ist für mich keine Lösung.

Wie sieht deine Lösung aus?
Entweder rede ich mit der Person oder, wenn eine Person mit mir nicht reden möchte, dann lächle ich ihr einfach ins Gesicht. Aber wenn ich diskriminiert werde, dann versuche ich schon, das zu klären. Ich frage: Aus welchem Grund diskriminierst du mich? Was willst du von mir? Wenn die Person reden will, dann rede ich natürlich.

Wie reagieren deine Freundinnen und Freunde, wenn sie diskriminiert werden?
Es gibt einige, die einfach keinen Bock mehr darauf haben, böse Worte zu hören. Sie treffen sich irgendwo zu Hause oder an einem Ort, wo man unter sich ist und nicht diskriminiert werden kann. Das ist natürlich nicht so gut. Man sollte auf jeden Fall rausgehen.

Wie sieht dein Freundeskreis aus?
Meine Freunde kommen aus der ganzen Welt. Aus Kroatien, aus Russland, aus England oder aus Syrien und Afghanistan. Viele machen eine Ausbildung, ich bin der Einzige, der noch zur Schule geht. Entweder wir treffen uns manchmal unter der Woche oder wir unternehmen etwas am Wochenende. Mittlerweile sind auch Deutsche dabei. Wenn wir von Deutschen diskriminiert werden, dann sagen sie oft etwas als erstes. Sogar noch bevor wir uns verteidigen (lacht).

Wenn du einmal Kinder und eine Familie hast, was wünschst du dir für sie? Was ist das Wichtigste, was du ihnen beibringst?
Meinen Kindern möchte ich auf den Weg geben: Lasst euch nicht diskriminieren. Redet mit den Menschen, aber friedlich. Gewalt ist keine Lösung.