ZEIT für die Schule
Klasse redet mit ihrem Lehrer
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1. Orientieren Sie sich an Unternehmen

Uta Eichborn hat durch ihre Arbeit am Berufs­kolleg zahlreiche Einblicke in Wirt­schafts­unter­nehmen. Sie weiß: Im Hinblick auf die Digital­isierung oder die Kompetenz­ent­wicklung ihrer Mit­arbeitenden sind Firmen den Schulen in aller Regel voraus. Für Lehr­kräfte lohnt es sich deshalb, sich mit Arbeits­methoden zu beschäftigen, die Konzerne bereits seit vielen Jahren erfolgreich anwenden. Das Kanban-Board zum Beispiel. Es wurde 1947 von einem japanischen Ingenieur des Auto­mobil­konzerns Toyota entwickelt und visualisiert Projekte anhand der Kategorien „zu erledigen“, „in Bearbeitung“ und „erledigt“. Die einzelnen Teilaufgaben können in Form von Post-its oder farbigen Kartei­karten in die drei­spaltige Tabelle einsortiert werden – Kanban bedeutet übersetzt Signal­karte. „Toyota befand sich Mitte der 1940er-Jahre im Wettbewerb mit amerikanischen Konzernen und wollte durch das Kanban Board die eigenen Produktions­prozesse verbessern“, erklärt Uta Eichborn. Heute gehört das Kanban-Board wohl zum Alltag der meisten Konzerne, es ist ein bewährtes Tool, mit dem sich auch komplexe Projekte effizient bewältigen lassen. „In Unter­nehmen habe ich schon Kanban-Boards gesehen, die sich über meter­lange Flure erstreckten. Und die Projekte, die sie ver­an­schau­lichen, gehen oftmals über viele Jahre“, erzählt die Wirt­schafts­pädagogin. Im kleineren Maßstab eignet sich ein Kanban-Board gut für den Schul­unterricht, etwa für Projekt­­arbeiten. Die Schülerinnen und Schüler können sich mit seiner Hilfe selbst organisieren und beispielsweise auf eine wichtige Klausur vorbereiten.

2. Haben Sie Mut zu Fehlern

Agilen Arbeits­methoden liegt ein sogenannter iterativer Prozess zugrunde – ein Vorgehen, bei dem das Team Arbeits­schritte immerzu wiederholt und während­dessen überprüft, wo Verbesserungen nötig sind. „Ein ganz wichtiger Begriff in diesem Zusammen­hang ist die Fehler­kultur“, so Uta Eichborn. Der agilen Arbeits­methode Scrum zufolge wird die Projekt­lauf­zeit in Etappen eingeteilt, in sogenannte Sprints. Ein Sprint dauert etwa 14 Tage, und während dieser Zeit müssen die Team­mitglieder nach jedem Sprint überprüfen, was verbessert werden sollte. Anschließend vereinbaren sie Maßnahmen zur Umsetzung der erforderlichen Veränderungen. Die Fehler, das Scheitern, gehören also zum Arbeiten dazu. „Aber das ist eine Erfahrung, die wir nur selten in der Schule zulassen“, so Uta Eichborn. „Im Gegenteil: Scheitern ist häufig mit schlechten Noten verbunden.“ Doch durch das agile Arbeiten eröffnen sich neue Sicht­weisen auf Fehler und Rück­schläge. Denn wenn sie durch Scrum früh genug erkannt werden, bringen sie das Projekt nach vorne. „Das ist echtes Lernen“, so Uta Eichborn.

© privat Uta Eichborn Wirtschaftspädagogin, Autorin verschiedener Fachbücher und Oberstudienrätin am Friedrich-List-Berufskolleg in Bonn. Sie unterrichtet seit 20 Jahren in Notebookklassen und entwickelt innovative Lehr- und Lernformate, in deren Rahmen sie agile Methoden in den Unterricht einführt. Hier auf Twitter zu finden.

3. Beherzigen Sie den Kanban-Spruch: „Stop starting, start finishing“

Dieser Spruch stammt vom Ingenieur und Erfinder des Kanban-Boards und heißt übersetzt so viel wie: „Bevor du eine Arbeit anfängst, beende zuerst deine aktuelle.“ „Wenn es um agiles Arbeiten im Zusammen­hang mit einem Kanban-Board im Unterricht geht, kann der Spruch sehr hilf­reich sein“, meint Uta Eichborn. „Schließlich sorgt er dafür, dass die Aufgaben gemäß ihrer Wichtigkeit priorisiert werden, um sie dann nach und nach ab­zu­arbeiten.“ Wie lässt sich das Projekt vorantreiben? Was ist im Moment wirklich wichtig? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler vor dem Kanban Board jeden Tag aufs Neue. Dort entscheiden sie sich in Absprache mit der Projekt­gruppe für eine Aufgabe, anschließend schreiben sie ihren Namen für die ent­sprechende Aufgabe auf das Post-it. Uta Eichborn: „So werden Ver­antwortlich­keiten klar und für alle sichtbar. Zur eigenen Verantwortung gehört es dann, die Aufgabe zu Ende zu bringen.“

Kommende Veranstaltung

Webinar „Mit agilen Methoden Zukunftskompetenzen stärken“

am 31.08.2022, 16:30-18:00 Uhr, mit Uta Eichborn und Petra Walenciak

Zur kostenfreien Anmeldung

4. Geben Sie Kontrolle ab

Agil leitet sich vom lateinischen Wort „agere“ für „handeln“ ab. Eine passgenaue Definition existiert nicht, doch grund­sätzlich versprechen sich Unternehmen von einer agilen Arbeits­weise mehr Effizienz und Reaktions­fähigkeit bei Veränderungen. Dabei obliegt die Verantwortung nicht mehr allein einem Management, sondern liegt in den Händen des Teams. Das ist in der Schule nicht anders. Aber: „Projekt­arbeit ist immer damit verbunden, den Schülerinnen und Schülern mehr Freiheiten zu geben. Das fällt vielen Kolleginnen und Kollegen schwer, da sie es als Kontroll­verlust empfinden“, weiß Uta Eichborn. „Doch Kontrolle ein Stück weit abzugeben, gehört zum agilen Arbeiten dazu und lohnt sich. Schließlich bedeutet Gestaltungs­frei­heit auch mehr Verantwortung für das Individuum.“ Dass es beim agilen Arbeiten um Teamarbeit auf Augenhöhe geht, veranschaulicht auch der Begriff Scrum. Er stammt aus dem Rugby-Sport und heißt übersetzt so viel wie „dichtes Gedränge“. Das entsteht, wenn sich im Rugby die Spielerinnen und Spieler um den Ball herum versammeln. Auf das agile Projekt­management übertragen, bedeutet diese Haltung, dass ein Team mehr Erfolg hat als Einzel­kämpferinnen und -kämpfer – und zwar vor allem im Moment des Hin- und Herspielens des Balls oder des Themas.

5. Überdenken Sie Ihr Selbstverständnis

Agiles Arbeiten ist keine Methode, sondern bezeichnet eine Haltung, ein Mindset. Und dieses Mindset hat sich im Zeitalter der Digitalisierung nicht nur in Unter­nehmen grundlegend verändert. „Als Lehrende stehen wir vor neuen Heraus­forderungen. Lehrkraft zu sein, heißt nicht mehr, nur Wissen zu vermitteln. Die Weiter­bildung, die mit der Einführung agiler Methoden stattfindet, bezieht sich deswegen nicht nur auf die Methoden an sich. Es geht um ein neues Mindset, eine offene Grund­haltung gegenüber allem Neuen. Nur wenn wir als Lehrende in einen lebens­langen Lern­prozess einsteigen, können wir diese Haltung unseren Schülerinnen und Schülern glaubhaft vermitteln“, so Uta Eichborn. Deshalb ist es gut, die eigene Haltung zu überdenken und sich der sich verändernden Gegenwart anzupassen.