ZEIT für die Schule
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Es gab diesen einen Moment, in dem Alexandra Andersen noch mehr als sonst wusste, dass Achtsamkeit wirkt. „Es war auf dem Schulhof, dort kam in der Pause ein Junge zu mir, der an den Achtsamkeitsübungen in der Stunde wenig Interesse gezeigt und sich nicht beteiligt hatte“, erzählt die Gymnasiallehrerin. „Der Junge hatte jedes Mal außerhalb unseres Sitzkreises Platz genommen – und das war absolut in Ordnung, ich hatte den Kindern diese Möglichkeit freigestellt. An jenem Tag aber lief der Junge zu mir und druckste erst ein wenig herum, bis er mir schließlich erzählte: ,Ich war immer so aufgeregt vor den Fußballspielen und habe dann mal die Atemübung ausprobiert – und es hat geholfen!‘“ Alexandra Andersen lacht. „Das heißt, der Junge hat von den Achtsamkeitsübungen profitiert, obwohl er ,offiziell‘ gar nicht mitgemacht hatte. Das war eine ganz tolle Bestätigung!“

Achtsamkeit bedeutet bewusstes Wahrnehmen

Unter „Achtsamkeit“ wird allgemein die Fähigkeit verstanden, das Hier und Jetzt mit allen Sinnen zu erleben – vielleicht wie ein staunendes Kind, das erstmals Schnee fallen sieht oder ein exotisches Tier im Zoo. Wer diese Fähigkeit durch bestimmte Übungen bestärkt, soll gegen die Belastungen des Alltags besser gewappnet sein, darauf lassen Erkenntnisse aus der Neurobiologie schließen. Menschen, die achtsam leben und regelmäßig meditieren, sollen etwa weniger anfällig für stress- und altersbedingte Erkrankungen wie Bluthochdruck sein. Entsprechend könnten sich auch Achtsamkeitsübungen in der Schule als Gesundheitsprävention begreifen lassen.

© privat Alexandra Andersen ist Lehrerin für katholische Religion, Latein und Italienisch und unterrichtet das Fach „Lernen mit Achtsamkeit“. 2020 veröffentlichte sie das Buch „Achtsamkeit im Unterricht. Konzentration, Entspannung und Wahrnehmung trainieren“. Es enthält ausführlich ausgearbeitete Unterrichtsstunden mit dem dazugehörigen Material sowie Audiodateien mit Anleitungen für die Achtsamkeitsübungen.

Alexandra Andersen, Gymnasiallehrerin und Buchautorin, hat seit 2017 an ihrer Schule in Würzburg das Fach „Lernen mit Achtsamkeit“ implementiert, außerdem bildet sie Lehrkräfte nach einem von ihr entwickelten Konzept weiter. „Ich hatte nach vielen Jahren als Vertrauenslehrerin festgestellt, wie wichtig eine bewusste Kommunikation ist“, erinnert sie sich an die Anfänge. „Daraufhin habe ich mich im Bereich der gewaltfreien Sprache fortgebildet und außerdem eine Ausbildung zur MBSR-Lehrerin gemacht.“ „Mindfulness-Based Stress Reduction“, übersetzt: „Stressreduktion durch Achtsamkeitsmeditation“ – dieses achtwöchige Programm hat der US-amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn in den 1970er-Jahren entwickelt. Es basiert auf traditionellen Meditationsarten ohne spirituellen Überbau. Studien belegen die Wirksamkeit dieser Übungen. In der Folge schlug Alexandra Andersen ihrer Schulleitung das Fach „Lernen mit Achtsamkeit“ vor und erhielt dafür grünes Licht.

Wertfreies Beobachten ist wichtig

„Lernen mit Achtsamkeit“ findet am Siebold-Gymnasium, einer sprachlich und wirtschaftswissenschaftlich ausgerichteten Schule in der Würzburger Altstadt, einmal pro Woche in den fünften Klassen statt, und zwar als reguläre Stunde. Unter anderem lernen die Kinder, möglichst wertfrei zu beobachten, ihren Körper wahrzunehmen oder auch, wie Hausaufgaben sich mit Ruhe und Selbstfürsorge erledigen lassen.

„Ich möchte vor allem mit der Vorstellung aufräumen, dass ,Achtsamkeit‘ bedeutet, über dem Meditationskissen zu schweben“, sagt Alexandra Andersen. „Deshalb wechsele ich stille Übungen mit etwas dynamischeren ab. Wir begrüßen uns beispielsweise, indem wir jeden Schüler und jede Schülerin mit Namen ansprechen und ihm oder ihr in die Augen schauen. Dieser Blickkontakt ist anfangs für viele eine Herausforderung, aber solch ein Ritual kann längerfristig sehr viel mehr Ruhe und Wertschätzung in den Klassenraum bringen.“

Bei einer anderen Übung legt Alexandra Andersen einen Gegenstand in die Hand einer jeden Schülerin oder eines jeden Schülers und fordert sie auf, ihn mit geschlossenen Augen zu ertasten und zu beschreiben. „Eine Muschel zum Beispiel erkennen die Kinder sofort. Aber hier geht es nicht darum, zu benennen, was der Verstand sagt, sondern die geriffelte Oberfläche, die halbrunde Form, den Hohlraum zu fühlen und dabei nachzuvollziehen, wie man zu einem Urteil gelangt. Das sind für mich ganz wertvolle Erfahrungen, die klarmachen, was Achtsamkeit ist.“

ZEIT für Lehrer – Digitale Impulstage

24. und 25.11.2021, jeweils 17.00 – 19.00 Uhr

Es erwarten Sie Gespräche, Diskussionen, Workshops und Austausch mit anderen Lehrkräften – seien Sie dabei!

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Achtsamkeit im digitalen Raum

Während des Homeschoolings mussten solche haptischen und visuellen Übungen entfallen. Stattdessen leitete Alexandra Andersen die Fünftklässler an, ein „Dankbarkeitstagebuch“ zu führen, Atemübungen zu praktizieren oder mögliche negative Gedanken so umzuformulieren, dass sie in einem „Radio Sunshine“ gespielt werden könnten – auf einem imaginären Sender für gute Laune also.

„Das heißt: Wenn die Kinder niedergeschlagen waren, sollten sie überlegen, was ihnen aus dem Tief heraushelfen könnte. Vielleicht eine Freundin oder einen Freund anrufen, die sie wegen der Abstandsregeln nicht treffen konnten. Durch das Aufschreiben und auch Umformulieren haben sich die dankbaren und achtsamen Gedanken vermutlich in ihnen verankert. Und ich denke, das konnte den Kindern in den Phasen des Lockdowns durchaus Halt gegeben.“

Dass das bei vielen Schülerinnen und Schülern tatsächlich funktioniert hat, erfuhr Alexandra Andersen infolge einer selbst initiierten Umfrage unter Elftklässlern. Mit ihnen hatte sie, vor dem Videounterricht, jeweils eine „Minute der Stille“ eingelegt. Aber da in dieser Zeit die Kameras aus Datenschutzgründen ausgeschaltet waren, erfuhr die Lehrerin zunächst nicht, wie diese Einheit ankam. „Durch die schriftlichen Rückmeldungen habe ich dann gemerkt, dass den Jugendlichen im Distanzunterricht besonders gut die Achtsamkeitsübungen gefallen haben. Und das ist ein schöner Erfolg!“, fasst Alexandra Andersen, selbst Mutter von zwei Teenager-Töchtern, zusammen.

„Achtsamkeit ist aus meiner Erfahrung heraus eine analoge Antwort auf die Herausforderungen in der digitalen Zeit. Sie ermöglicht uns, mit der digitalen Welt umzugehen, ohne von deren Möglichkeiten überflutet zu werden. Und wenn Achtsamkeit und digitales Leben Hand in Hand gehen, dann erziehen wir Kinder auch zu politisch mündigen Bürgern – was ja immer ein Ziel von Bildung ist.“