ZEIT für die Schule
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ZEIT für die Schule: Frau Grohmann, was bedeutet eigentlich finanzielle Selbst­ständig­keit?
Antonia Grohmann: Eine feste Definition gibt es nicht. Entscheidend ist aus meiner Sicht, mit dem eigenen Geld gut umgehen zu können. Taschen­geld ist dafür der perfekte Einstieg. Kinder lernen damit, wie Budgetieren funktioniert und wie sie selbst Entscheidungen treffen. Besonders spannend wird es zwischen zwölf und 16 Jahren: In dieser Zeit begreift man, was man hat, wie man es ausgeben kann und was man dafür bekommt. Kurz gesagt: Hier legt man die Basis für echte finanzielle Unabhängigkeit.

Warum sollte man den Umgang mit Geld möglichst früh lernen?
Ganz einfach: Damit man vorbereitet ist, bevor die großen Entscheidungen kommen – wie etwa die erste eigene Miete. Die meisten Jugendlichen bekommen zu Hause alles, was sie brauchen. Um Finanz­kompetenz aufzubauen, müssen sie nicht unbedingt ihr Geld selbst verdienen. Viel wichtiger ist, dass sie das vorhandene Geld selbst verwalten. Problematisch wird es eher, wenn Kinder für normale Aufgaben im Haushalt Geld bekommen. Das kann später mit ungünstigem Finanz­verhalten zusammen­hängen – etwa damit, dass Kinder kurz­fristige Belohnungen über lang­fristige Ziele stellen.

Zur Person

Dr. Antonia Grohmann ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Associate Professor an der Universität Aarhus in Dänemark. Sie erforscht, wie private Haushalte mit Geld umgehen. Ihr Fokus liegt auf finanzieller Bildung: welche Auswirkungen sie hat, wie man sie verbessern kann und warum sie so entscheidend ist. Darüber hinaus erforscht sie, wie Überschuldung entsteht und was dagegen hilft.

Antonia Grohmann
© privat

Was beeinflusst die finanziellen Entscheidungen von Teenagern?
Social Media und Werbung haben heute einen riesigen Einfluss. Sie verstärken den sozialen Vergleich und damit den Drang, alles haben zu wollen, was andere haben. Jugendliche vergleichen sich längst nicht mehr nur mit Freunden oder Mitschülerinnen und Mitschülern, sondern mit Menschen in den sozialen Medien, die ein völlig anderes Leben führen als sie selbst. Das erhöht den Druck „dazu­zu­gehören“ und macht unvernünftigen Konsum noch verlockender. Erwachsene merken oft gar nicht, welchen Einflüssen Jugendliche ausgesetzt sind. Umso wichtiger ist es, dass junge Menschen lernen, diese unrealistischen Vergleiche richtig einzuordnen.

Welche typischen Fehler machen Jugendliche in Sachen Geld?
Der größte Fehler aus ökonomischer Sicht ist, nicht in die eigene Bildung zu investieren. Studien zeigen, dass Bildung lang­fristig den höchsten „Ertrag“ bringt – zum Beispiel in Form eines besseren Einkommens. Außerdem lohnt es sich, früh gute Gewohnheiten zu entwickeln – also bewusst über Geld nach­zu­denken und zu lernen, wie man damit umgeht. Wer unter 18 ist, muss keine großen Summen sparen oder schon an die Rente denken. Aber die Basics sollten sitzen: Was sind Zinsen? Wie funktioniert eine Raten­zahlung beim Online-Kauf? Und wie geht man verantwortungs­voll mit einer Kredit­karte um?

Es gibt heute eine Vielzahl von Finanz­produkten. Welche sind für Jugendliche sinnvoll?
Für alle unter 18 ist ein eigenes Girokonto viel wert. Damit lernt man ganz praktisch, was Geld bedeutet – zum Beispiel, indem man auf ein Ziel spart: eine Reise oder etwas Größeres. Wer zusätzlich jobbt, um das Ziel zu erreichen, versteht den Wert des Geldes noch besser. Komplexere Produkte wie ein breit gestreuter ETF sind eher etwas für die Eltern oder später, wenn man im Berufs­leben steht.

Wie budgetiert man – und welche digitalen Tools helfen Jugendlichen dabei?
In dem Alter ist ein Haushaltsplan noch ziemlich überschaubar, aber die Grund­lagen kann man schon lernen: Wie viel Geld kommt rein – durch Taschen­geld oder einen Neben­job? Wie viel geht raus? Und was will ich mir leisten? Wie lange muss ich dafür sparen? Es gibt viele Apps von Banken und anderen Anbietern, die beim Budgetieren helfen. Wichtig ist es, darauf zu achten, dass diese Tools nicht nur als Werbefläche für teure Finanz­produkte dienen. Alternativ kann man auch einfach eine Excel-Tabelle nutzen – die Prinzipien bleiben gleich.

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Die Organisation für wirtschaftliche Zusammen­arbeit und Entwicklung (OECD) hat 2024 untersucht, wie gut Menschen in Deutschland finanziell gebildet sind. Frauen und Mädchen schneiden meist schlechter ab als Männer. Woran liegt das?
Vieles hat mit Kultur zu tun. In vielen westlichen Ländern gelten Finanzen immer noch als „Männersache“. Das heißt nicht, dass Frauen schlechter mit Geld umgehen können oder weniger Mathe-Skills haben. Aber kulturell bedingt beschäftigen sich Männer häufiger mit dem Thema – sie reden über Investments, übernehmen im Haushalt die Geld­fragen und sammeln so mehr Wissen. Frauen dagegen zeigen oft weniger Interesse, einfach weil es ihnen nicht so nahe­gebracht wird. In Thailand ist das genau umgekehrt. Dort sind Finanzen traditionell Frauen­sache, und der Gender Gap existiert dort nicht. Im Gegenteil: Viele Frauen arbeiten dort als Port­folio­managerinnen oder in ähnlichen Berufen.

Heißt das, jungen Mädchen in Deutschland fehlen die Vorbilder?
Ja, definitiv. Eine amerikanische Kollegin, die in Thailand an der Universität lehrt, hat mir mal eine spannende Anekdote erzählt: Sie fragte ihre Studierenden, was passiert, wenn der Vater plötzlich mit einem Mercedes vorfährt. Die Antwort: „Dann gibts richtig Ärger!“ Und wenn die Mutter ein teures Auto kauft? „Das ist okay – ihre Entscheidung.“ Das zeigt, wie stark Kultur den Umgang mit Geld prägt.

Finanzkompetenz ist fürs Leben enorm wichtig, aber ungleich verteilt. Wie ändern wir das?
Ich finde, dass Finanzbildung in die Schule gehört. Dort erreicht man alle – anders als bei freiwilligen Bildungs­angeboten, die oft gerade jene nicht nutzen, die sie am dringendsten brauchen. Grund­wissen über Geld sollte ein eigenes Schulfach sein oder fest in andere Fächer integriert werden. Und besonders Mädchen müssen lernen, dass Finanzen auch zu ihren Aufgaben gehören. Manche Pädagoginnen und Pädagogen gehen sogar so weit, getrennten Unterricht für Mädchen zu fordern.

Checkliste für Ihre Klasse

Sind Ihre Schülerinnen und Schüler bereit für die finanzielle Selbst­ständig­keit?

  • Girokonto eröffnen: Der erste Schritt, um den Umgang mit Geld praktisch zu lernen.
  • Budget-Apps nutzen: Können helfen, um Einnahmen und Ausgaben im Blick zu behalten.
  • Langfristig planen: Ziele setzen und bewusst auf größere Anschaffungen sparen.
  • Kritisch bleiben: Hinterfragen, von wem Finanz-Tipps kommen. Informieren sie, oder wollen sie etwas verkaufen?
  • Realistisch bleiben: Social Media zeigt oft Luxus, der nichts mit der eigenen Realität zu tun hat.
  • In Bildung investieren: Gute Ausbildung und solides Finanz­wissen erhöhen die Chancen auf ein besseres Einkommen und helfen, im Alltag klüger mit Geld umzugehen – ganz egal, aus welchem Umfeld man kommt.