ZEIT für die Schule: Der Hashtag #realfood ist auf Social Media zu einem echten viralen Phänomen geworden. Welche Bilder hast du sofort im Kopf?
Jessi Nitschke: Wenn ich an den Real-Food-Trend denke, habe ich sofort stark inszenierte Bilder vor Augen: große Steakbretter, Butterstücke, rohe Milch im Glas und Schlagworte wie „no seed oils“ oder „zurück zur Natur“. Oft sind es ästhetisch gefilmte Szenen mit klaren Botschaften wie „So haben wir früher gegessen“ oder „Die Industrie vergiftet uns“. Das eigentliche Problem ist die Schwarz-Weiß-Erzählung dahinter. Naturbelassen bedeutet gesund, verarbeitet bedeutet schlecht – das sind Vereinfachungen, die auf Social Media gut funktionieren, weil sie Orientierung versprechen. Aber Ernährung ist komplexer als ein viraler Clip.
Warum kommt der Trend gerade bei jungen Menschen so gut an?
Viele Jugendliche suchen Orientierung, besonders in einer Welt voller widersprüchlicher Ernährungsbotschaften. Social Media liefert dafür scheinbar einfache Antworten: „Iss das und du wirst schlank, stark und gesund.“ Real Food funktioniert, weil es mehr ist als ein Ernährungstrend. Es vermittelt Identität und das Gefühl, dazuzugehören, etwas unter Kontrolle zu haben und sich vom „System“ abzugrenzen. Gleichzeitig erleben wir starke Gegensätze: Auf der einen Seite extrem proteinreiche Fitness-Ernährung mit vielen Supplements, auf der anderen Seite radikale Clean-Eating- oder Rohkoststile. Beides verspricht Perfektion.
Real Food funktioniert, weil es über Ernährung hinaus Identität und Abgrenzung vom „System“ vermittelt.
Jessi Nitschke, Ernährungswissenschaftlerin
Viele Social-Media-Clips suggerieren: Wer sich natürlich ernährt, verbrennt Fett, nimmt ab und hat mehr Energie. Wie viel Wahrheit steckt dahinter?
Solche Aussagen klingen erstmal logisch, sind aber stark vereinfacht. Für eine Gewichtsabnahme ist die Kalorienbilanz entscheidend. Wer weniger Energie aufnimmt, als der Körper verbraucht, nimmt ab – egal ob der Speiseplan überwiegend aus frischen Lebensmitteln oder vielen Fertigprodukten besteht. Das ist die nüchterne physiologische Realität. Der Mittelweg – ausgewogen, wissenschaftlich fundiert, ohne Extreme – wirkt im Vergleich weniger spektakulär, wäre aber langfristig gesünder.
Zur Person
Jessi Nitschke ist Ernährungswissenschaftlerin, Gründerin der Plattform vollundwertig und Host des gleichnamigen Podcasts. Ihr Ansatz: eine vollwertige, pflanzenbetonte Ernährung, die evidenzbasiert, alltagsnah und genussorientiert ist. Auf Instragram erreicht sie über 86.000 Menschen. Zudem veröffentlichte sie E-Books wie „Frozen Dreams“ und „Himmlische Weihnachten“.
Gibt es denn auch Aussagen, die fachlich haltbar sind?
Ein paar schon, zum Beispiel was Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte betrifft. Diese Lebensmittel enthalten viele Ballaststoffe, deshalb sättigen sie besser, halten den Blutzucker stabil und machen es dadurch leichter, ein Kaloriendefizit einzuhalten. Das ist der Teil Wahrheit hinter dem Trend. Trotzdem kann kein Lebensmittel „Fett verbrennen“ und verarbeitete Produkte verhindern nicht automatisch eine Gewichtsabnahme. Am Ende zählt das gesamte Ernährungsverhalten.
Wo siehst du Chancen bei diesem Trend?
Positiv ist auf jeden Fall, dass der Trend den Blick wieder stärker auf frische, unverarbeitete Lebensmittel lenkt. Mehr Obst, mehr Gemüse, mehr selbst kochen ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Ich selbst bin damit aufgewachsen, dass Fertigprodukte fast zu jeder Mahlzeit gehörten. Zum Frühstück gab es Honigpops, Oblaten oder süße Kuchensnacks. Den restlichen Tag über lebte ich oft von Fertigtüten, Tiefkühlpizza und Käsebrötchen. Gemüse spielte in meinem Alltag fast keine Rolle. Als Jugendliche war ich ständig krank, müde und ausgelaugt. Genau diese Erfahrung war schließlich der Auslöser, mich intensiver mit meiner Ernährung zu beschäftigen.
Was hast du dabei gelernt?
Mehr frische Lebensmittel im Alltag können langfristig viel verändern, das habe ich selbst erlebt. Aber nicht jedes hochverarbeitete Produkt ist ungesund, es kommt immer auf die Zusammensetzung und die Menge an. Und nicht jedes unverarbeitete Lebensmittel ist automatisch gesund. Nehmen wir zum Beispiel Rohmilch. Sie wird gern als „natürlich“ und „ursprünglich“ verkauft, kann aber Krankheitserreger wie Campylobacter oder EHEC enthalten. Besonders für Kinder, Schwangere oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem kann das richtig gefährlich werden. „Natürlich“ heißt eben nicht automatisch „sicher“, und eine Aussage wie „Früher hat man das auch gemacht“ ist kein wissenschaftliches Argument. Ernährung entwickelt sich weiter, weil wir ständig dazulernen.
„Früher hat man das auch gemacht“ ist kein wissenschaftliches Argument.
Jessi Nitschke, Ernährungswissenschaftlerin
Wer Muckis haben will, greift gerne zu High-Protein-Produkten. Wie sinnvoll sind die für Teenager?
Jugendliche brauchen Eiweiß, keine Frage. Aber extrem hohe Eiweißmengen sind weder notwendig noch automatisch gesünder. Viel wichtiger ist, wie die gesamte Ernährung aussieht. Wer sich zu sehr auf Proteine fokussiert, verliert schnell Ballaststoffe, komplexe Kohlenhydrate und die nötige Vielfalt an Lebensmitteln aus dem Blick. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Mangelversorgung, und die ist gerade in der Wachstumsphase riskant.
So können Lehrkräfte Food-Trends im Unterricht aufgreifen
Stellen Sie Fragen wie:
- Wer profitiert von diesem Trend oder will etwas verkaufen?
- Werden in den Social-Media-Clips wissenschaftliche Quellen genannt?
- Wird mit absoluten Aussagen gearbeitet? („immer“, „nie“, „Gift“)
- Wird bewusst Angst oder Druck erzeugt?
Außerdem kann man vermitteln: Gesunde Ernährung muss nicht teuer sein. Auch im Discounter (z.B. Lidl) findet man hochwertige Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, tiefgekühltes Gemüse oder Bio-Produkte. Gesundheit ist keine Lifestyle-Frage, sondern vielmehr eine Frage der Auswahl.
Konkrete Empfehlungen für Jugendliche
- Eine gesunde Ernährung muss nicht teuer oder fancy sein: Auch Discounter bieten Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, frisches Obst und Gemüse – sogar in Bio-Qualität
- Die Ernährung sagt nichts über den Wert als Mensch aus
- Begriffe wie „natürlich“, „clean“ oder „high protein“ sind oft Marketing
- Wissen schützt: Je besser Jugendliche ihre Ernährung verstehen, desto weniger anfällig sind sie für Panikmache und Heilsversprechen
Wie wirken sich Food-Trends auf das Körperbewusstsein junger Menschen aus?
Bei vielen solcher Trends ist die Message: „Wenn du dich so ernährst, bist du diszipliniert, leistungsfähig und attraktiv.“ Jugendliche stecken mitten in der Identitätsfindung, und genau das macht sie besonders empfänglich für solches Schwarz-Weiß-Denken. Wenn eine bestimmte Ernährungsform über alles andere gestellt wird, wird Essen schnell zur Ideologie. Das kann zu restriktiven Essmustern, Orthorexie oder klassische Essstörungen führen. Und dann ist da noch der endlose Vergleich: Auf Social Media sieht man Körper, die oft inszeniert, gefiltert und stark selektiert sind. Ernährung wird dort oft als Werkzeug zur Körperoptimierung verkauft, nicht als Basis für Gesundheit.
Welche Rolle spielen dabei Algorithmen?
Eine sehr große. Algorithmen belohnen vor allem Inhalte, die starke Emotionen auslösen – und das sind meist solche, die extreme Positionen vertreten. Differenzierte, ausgewogene Botschaften gehen dagegen selten viral. Jugendliche sehen ständig ähnliche Inhalte, und plötzlich wirkt eine Meinung wie die einzige Wahrheit. Medienkompetenz heißt deshalb auch zu verstehen, dass der eigenene Feed kein neutraler Blick auf die Realität ist.
Medienkompetenz heißt deshalb auch zu verstehen, dass der eigene Feed kein neutraler Blick auf die Realität ist.
Jessi Nitschke, Ernährungswissenschaftlerin
Wie bewahren wir Jugendlichen davor, in diese Falle zu tappen?
Hier braucht es vor allem Ernährungsbildung. Jugendliche brauchen keine Verbote, sondern Wissen. Wenn sie verstehen, wie eine ausgewogene Ernährung tatsächlich funktioniert, können sie Trends selbst einordnen. Es gibt nicht die perfekte Ernährungsform. Was die Forschung aber sehr klar zeigt: Eine vollwertige, überwiegend pflanzenbasierte Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Nüssen ist eine starke Basis. Darauf kann jede oder jeder individuell aufbauen.