Wieder gab es so viele spannende Fragen, aber ich konnte nicht anders, mich dieser zu widmen: „(Warum) braucht es Noten, um Schüler zu motivieren.“ Der Grund dafür ist, dass ich vor mehr als 15 Jahren einen Blogbeitrag schrieb – der zweite überhaupt – der mein Schreiben und Denken über Bildung einleitete. Der Titel: „Probleme der Notengebung“. Damals schrieb ich über eine Klasse, die ich sehr mochte und mit denen ich ein Projekt durchführen wollte, was ich mit Leidenschaft präsentierte. Die erste Frage aus der Klasse: „Gibt es dafür eine Note?“ Das frustrierte mich.
Denn man könnte sagen: Ja, Noten motivieren schon. Es ist jene Art der externen Motivation, die dann schnell umschlagen kann, wenn man nicht jene Note bekommt, die man wollte oder für berechtigt hält. Die größere Frage ist: Motivieren Noten nachhaltig? Dies kann man getrost mit „Nein“ beantworten. Noten machen aus dem Lernen einen Austauschprozess. Schüler werden operant konditioniert. Der Lerneffekt sagt in etwa aus, dass Lernen nur dann sinnvoll ist, wenn man danach etwas dafür bekommt. In seinem Buch Drive analysiert Daniel Pink, was motiviert. Die wichtigste Erkenntnis: Belohnungen motivieren nicht, sie zerstören Motivation sogar. Nun sind Noten nicht immer eine Belohnung, das macht es allerdings nicht besser, sondern schlechter: Wenn nicht einmal gute Noten motivieren, was ist dann mit den schlechten?
Was aber tun in einem System, in dem Noten nun einmal existieren und sich als pragmatische Möglichkeit herausgestellt haben, Leistungen zu bewerten? Es geht in erster Linie um einen Perspektivwechsel. Bei Lehrkräften, bei den jungen Menschen und nicht zuletzt bei Eltern. Man muss Noten weder ignorieren noch beschämt verstecken, aber die Priorität muss eine andere sein. Die Selbstbestimmungstheorie von Deci & Ryan besagt, dass Motivation auf Autonomie, Kompetenzerleben und sozialer Eingebundenheit basiert. Eine sehr gute Frage wäre also, wie dies in der Schule gefördert werden kann, und zwar unabhängig von Arbeitsgemeinschaften.
Aber wenn wir über diese außerunterrichtlichen Angebote sprechen: In meinem aktuellen Elternbuch „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?“ hebe ich diese besonders hervor. Weil das Erleben von Selbstwirksamkeit ohne Benotung zu der Erkenntnis führen kann, dass es um den Prozess geht, nicht um dessen Bewertung.
Noten werden bleiben. Aber wenn wir den Prozess begleiten, den Fokus auf die Rückmeldung legen, Strategien an die Hand geben und versuchen, Schüler unabhängig von Ziffern zu motivieren, dann schaffen wir es auch in einem Benotungssystem die Freude am Lernen in den Mittelpunkt zu stellen. Und genau darum sollte es gehen.
Haben auch Sie eine Frage aus Ihrem Schulalltag?
Reichen Sie diese jetzt ein – vielleicht greift Bob Blume sie in einer der kommenden Ausgaben auf!
Bob Blume ist Lehrer, Autor, Podcaster und Bildungsinfluencer. Er studierte Germanistik, Anglistik sowie Geschichte und arbeitet nun als Oberstudienrat an einem Gymnasium in der Nähe von Baden-Baden. Zudem ist Bob Blume ein gefragter Experte in der deutschen Medienlandschaft zum Thema Schule, schreibt Kolumnen bei t-online und Gastbeiträge für den Spiegel. Bei der Verleihung der Goldenen Blogger 2022 wurde er als Blogger des Jahres ausgezeichnet. Sein Buch „Warum noch lernen?“ wurde kurz nach Erscheinen zum SPIEGEL-Bestseller.