Der erste Schritt besteht darin, sich Zeit für eine sehr präzise Reflexion zu nehmen, was genau die Erschöpfung verursacht. Ist es die ständige Erreichbarkeit? Der Druck, jedes Lernziel perfekt abzudecken? Oder die emotionale Last, für alles und alle da zu sein? Wenn man die Ursachen benennt, lässt sich gezielter gegensteuern. Zumindest da, wo es nicht systemisch ist. Ich schrieb einmal provokant, dass ich gelernt habe, „schlecht“ zu unterrichten. Mich also vor allem in Zeiten der Korrekturhochzeit vom Perfektionismus zu befreien. Allerdings ist das wenig befriedigend, und im Grunde nur eine kurze Brandlöschung.
Oft hilft es, nicht mehr nur härter – oder weniger – , sondern anders zu arbeiten. Wer weiß, dass die Kräfte schwinden, und vielleicht sogar, wann, kann das Setting verändern: Phasen, in denen die Schülerinnen und Schüler eigenständig arbeiten, sind kein „Abschalten des Unterrichts“, sondern eine Form der Selbstwirksamkeit. Eine klare Struktur mit Aufgaben, Zwischenfeedback und Rückmeldeschleifen sorgt dafür, dass auch solche Stunden lernwirksam bleiben. Das bedeutet konkret, schon zu Beginn des Schuljahres oder zumindest vor der antizipierten Erschöpfungsphase offene Arbeitsphasen einzuplanen. Je genauer und besser das begleitet wird, desto mehr hat das nicht nur einen entlastenden, sondern auch einen lernwirksamen Effekt. Es geht also zur Hinleitung zum eigenständigen Arbeiten, das auch einen selbst entlastet (anders als in 9 Klassen jede einzelne Phase anzuleiten, für Ruhe zu sorgen, Listen einzusammeln etc. Das schlaucht alles ungemein).
Und: Der kluge Einsatz von KI kann Routinearbeiten wie Feedback-Entwürfe, Textzusammenfassungen oder Elternbriefe übernehmen. Das funktioniert am besten, wenn man sich solche Werkzeuge früh im Jahr anvertraut – nicht erst, wenn man schon völlig leer ist. Für diejenigen, die das noch nicht gemacht haben: Keine Angst, das geht schnell. Und ich kenne keine Lehrkraft, die diese Entlastung ausprobiert und zurück auf Start gegangen wäre.
Zuletzt müssen wir über echte Erholung sprechen. Wer erschöpft ist, braucht echte Pausen – und zwar solche, in denen man nicht versucht, produktiv zu entspannen. Eine Viertelstunde still lesen, ein Spaziergang durch den Park, das bewusste Nichtstun: Das klingt banal, ist aber eine Kunst. Unser Gehirn regeneriert in solchen Momenten, weil es endlich keine Erwartungen erfüllen muss. Auch hier ist es angeraten, sich die Erholungsroutinen schon dann anzueignen, wenn man noch nicht auf dem Zahnfleisch läuft. Bei mir war Sport der Gamechanger, auch wenn sich das trivial anhört. Ich begann in einer Phase, in der das gut möglich war und habe es geschafft, weiterzumachen, als es sehr anstrengend wurde. Mein Kopf hat es mir gedankt und damit auch Schlaf und Erholung.
Langfristig schließlich ist es hilfreich, Erschöpfung nicht als individuelles Versagen, sondern als kollektives Signal zu sehen. Besonders fordernde Aufgaben – Klassenfahrten, Projektwochen, Elterngespräche – müssen nicht allein gestemmt werden. Wenn Kolleginnen und Kollegen ihre Kräfte bündeln, entsteht nicht nur Entlastung, sondern auch Resonanz: das Gefühl, gemeinsam etwas zu tragen. Es gibt schon viele Beispiele dafür, wie innerhalb von Kollegien in Teams gearbeitet wird. Wir Lehrkräfte haben es damit nicht immer leicht, auch, weil jemand vielleicht etwas anders macht, als wir es machen würden. Aber auch das lohnt sich auf längere Sicht, weil man entweder etwas abgeben kann, wenn es gerade schwierig ist oder sich die Arbeit – und damit die Zeit teilt.
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Bob Blume ist Lehrer, Autor, Podcaster und Bildungsinfluencer. Er studierte Germanistik, Anglistik sowie Geschichte und arbeitet nun als Oberstudienrat an einem Gymnasium in der Nähe von Baden-Baden. Zudem ist Bob Blume ein gefragter Experte in der deutschen Medienlandschaft zum Thema Schule, schreibt Kolumnen bei t-online und Gastbeiträge für den Spiegel. Bei der Verleihung der Goldenen Blogger 2022 wurde er als Blogger des Jahres ausgezeichnet. Sein Buch „Warum noch lernen?“ wurde kurz nach Erscheinen zum SPIEGEL-Bestseller.