ZEIT für die Schule
Happy teacher and schoolgirl giving high five during class at school.
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Dass Beziehung die Grundlage allen gelingenden Lernens ist, wissen die meisten. Aber wie schafft man es, dass eine gute Beziehung herrscht? Wie könnte man auftreten, damit die Klasse einen mag? Der erste Denkfehler einer solchen Frage liegt schon im Bezugspunkt: Denn natürlich kann man über sein eigenes Auftreten nachdenken, aber darum geht es letztlich am wenigsten. Beziehung entsteht nicht dadurch, dass man ein bestimmtes Bild von sich vermittelt, sondern dadurch, dass man die Schülerinnen und Schüler ernst nimmt. Das klingt zunächst simpel, muss aber in Tätigkeit übersetzt werden: Es bedeutet zum Beispiel, in der ersten Zeit möglichst wenig über sich selbst zu sprechen. Nicht weil man sich verstecken sollte, sondern weil es zu diesem Zeitpunkt schlicht niemanden interessiert, wer man ist. Die eigene Person wird erst dann relevant, wenn eine gemeinsame Basis existiert – und die entsteht nicht durch Ansagen, sondern durch das, was man gemeinsam tut.

Deshalb würde ich – anders als viele – den Schuljahresstart nicht mit einer langen Rede über mich und dann über Regeln und Organisation beginnen. Sondern mit etwas, das Spannung erzeugt: einem ungewöhnlichen Impuls, einer Bewegung im Raum, einem Thema, das wirklich interessiert. Beziehung beginnen heißt hier: in medias res! Über Bande lernen die Schülerinnen und Schüler dann etwas viel Wichtigeres, als jede Vorstellungsrunde es vermitteln könnte: Der oder die macht interessante Dinge. Organisatorisches kommt später, wenn die Aufmerksamkeit schon da ist und nicht mehr erkämpft werden muss.

Der Perspektivwechsel: Gemeinsam aushandeln statt vorab festlegen

Auch bei der Frage nach Strenge und Lockerheit lohnt sich ein Perspektivwechsel: Es geht nicht darum, sich vorher auf einen Punkt zwischen beidem festzulegen, sondern darum, beides gemeinsam mit der Klasse auszuhandeln – bei völliger Transparenz. Das bedeutet konkret: nicht nur behaupten, dass man ansprechbar ist, sondern tatsächlich Fragen zulassen. Sich Feedback einholen, mindestens einmal im Halbjahr, ehrlich und mit der Bereitschaft, es auch anzunehmen. Und, wo es geht, gemeinsam planen. Das funktioniert erstaunlicherweise sogar bei Klassenarbeiten: Schreibt man früh, hat man es schnell hinter sich, muss danach aber zügiger durch den Stoff. Schreibt man spät, fühlt sich das entspannter an, bedeutet aber mehr Stoff auf einmal. Das heißt nicht, dass die Klasse bestimmt. Es heißt, dass sie versteht, warum eine Entscheidung so fällt, wie sie fällt – und genau dieses Verstehen ist schon ein Stück Beziehung.

Das klingt nach viel Aufwand, und das mag es am Anfang auch sein. Aber meiner Erfahrung nach zahlt sich dieser Aufwand aus, weil er die Basis für ein Miteinander bietet, das das typische hierarchische Verhältnis zumindest schrumpfen lässt. Wenn die Klasse merkt: Die meint es ernst mit uns, dann kann man auch mal streng sein oder erklären, warum alle in der nächsten Zeit reinhauen müssen. Letztlich geht es darum, dass jeder gesehen wird!

Warum Hinsehen wichtiger ist als die perfekte Balance

Vor Kurzem schrieb mir eine ehemalige Schülerin, die mittlerweile in Spanien lebt, eine E-Mail. Sinngemäß stand darin, dass ich zu den Lehrkräften gehört habe, bei denen sie sich willkommen, verstanden und gehört gefühlt hat – und dass sie die Theater-AG bis heute vermisst. Diese Zeilen haben mich sehr berührt, und sie zeigen genau das, worum es hier geht: Beziehung entsteht nicht durch die richtige Mischung aus Strenge und Lockerheit, sondern dadurch, dass man hinschaut. Und natürlich daraus, dass man gemeinsam etwas tut, etwas erschafft, an dem alle mitarbeiten. Das ist wahrscheinlich das, was den Beziehungsaufbau so schwierig, aber auch so lohnenswert macht. Denn wie man gesehen wird, das hat man nicht in der Hand. Aber was man tut, inwiefern man dafür sorgt, dass alle eingeladen sind und wie viel Interesse man für das Gegenüber hat – das kann man steuern.

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Bob Blume ist Lehrer, Autor, Podcaster und Bildungs­­influencer. Er studierte Germanistik, Anglistik sowie Geschichte und arbeitet nun als Ober­studien­­rat an einem Gymnasium in der Nähe von Baden-Baden. Zudem ist Bob Blume ein gefragter Experte in der deutschen Medien­­land­schaft zum Thema Schule, schreibt Kolumnen bei t-online und Gast­beiträge für den Spiegel. Bei der Verleihung der Goldenen Blogger 2022 wurde er als Blogger des Jahres aus­gezeichnet. Sein Buch „Warum noch lernen?“ wurde kurz nach Erscheinen zum SPIEGEL-Bestseller.

Bob Blume
© Axmann Rottler